Ute Bauer, Jochen Niklas, Kimberly Zelch, Pauline Volkmar, Hükümhan Sagiroglu

 

Man sollte es nicht meinen, aber es ist wirklich eine Menge zu organisieren, wenn fünf Leute gemeinsam nach Lesotho reisen, um endlich die Schule zu besuchen, die man inzwischen drei Jahre lang unterstützt und der man in einer Schulpartnerschaft verbunden ist. Jetzt waren es nur drei Schüler und zwei Lehrkräfte, die man dorthin und wieder zurückschaffen musste, doch trotzdem mussten Flüge und Auto gebucht, diverse Unterkünfte reserviert, Anträge geschrieben, übersetzt und verschickt, Termine festgelegt und Pläne gemacht werden. Nicht zuletzt musste eine Menge Geld investiert werden - und das vom jeweils eigenen Konto, denn eine Unterstützung von Seiten der Schule oder gar des Staates war keineswegs gesichert. Trotzdem scheuten wir keine Mühen, endlich unseren Traum wahr zu machen und die Pitseng High School kennen zu lernen.

 

Am Mittwoch, 11.05.2016, war es dann soweit - eine Menge Fragezeichen im Gepäck und ein paar tränenreiche Händedrücke später saßen wir im Flugzeug Richtung Zürich und von dort nach Johannesburg. Dass sogar unsere Koffer mit uns ankamen, hat mich als Afrikareisenden besonders beeindruckt, war doch keiner meiner bisherigen Flüge nach Tansania, Kenia oder Südafrika ohne Gepäckverlust verlaufen.

 

Wir waren alle gespannt auf das, was vor uns lag. Nachdem wir dann unser erstes südafrikanisches Klo besucht hatten, ging es auch schon zum Auto - wir hatten uns einen extra großen Bus gemietet, in den wir alle auch zweimal hätten reinpassen können. Aber gelohnt hat es sich später noch mehrmals, denn nur zu fünft sind wir selten gefahren. Zunächst einmal aber fuhren wir zu fünft nach Clarens in der Nähe der Grenze zu Lesotho und übernachteten dort.

 


Tag 1 – Freitag, 13.05.

 

Wir standen um 7 Uhr auf und machten uns auf den Weg, die letzten 60 km bis zur Grenze in Caledonspoort zu überwinden. Auch hier waren wir erstaunt, wie problemlos und organisiert alles ablief - wir glitten nahezu geräuschlos unter den offenen Schranken hindurch und waren im Königreich Lesotho. Und damit in einem völlig anderen Afrika.

 

Nicht, dass man das sofort merken würde: Die Straßen blieben erstmal ordentlich, die Leute aber waren zu nahezu 100% dunkelhäutig, die Fortbewegungsmittel eher tierisch und bald auch die Schlaglöcher tiefer. In Butha-Buthe tuckerten wir durch den Freitagsmarkt und rochen das erste Mal afrikanische Straßenküchen. Die Straßen wurden enger, aber da kaum einer auf ihnen fuhr, machte das kaum etwas aus.

 

In Pitseng fuhren wir dann erst einmal an der Ausfahrt vorbei, weil wir nicht glauben mochten, dass unsere Unterkunft, das Aloes Guesthouse, hier wirklich schon angeschrieben stand. Jedenfalls fanden wir Aloes Guesthouse bald nach dem Ortskern linker Hand am Rande unserer ersten Staubpiste.

 

Bald darauf gingen wir auf die Suche nach unserer Partnerschule. Das war schon ein ziemliches Stück Arbeit, denn das Straßenleitsystem in Pitseng war mitnichten durchsichtig und so fuhren wir so zwei, drei Mal durch die Ortschaft, bis wir an der Tankstelle eine etwas wirre, doch immerhin nahezu nachvollziehbare Beschreibung des Weges bekamen, mit der wir uns dann bis zur Abzweigung weiterfragen konnten. Tja, und da war sie dann, die Straße, wie wir die nächsten fünf Tage mindestens einmal am Tag rauf- und runterholpern mussten. Autofahren ist eben auch Survivaltraining - wobei, es ginge auch schlimmer, doch nach dem Regen der letzten Tage sah die Straße schon ziemlich übel aus und mehr als 10 km/h waren nicht drin.

 

 

Wir ließen Felder, alleinstehende Häuser, alleinstehende Ruinen und allein herumstehende Frauen an uns vorüberziehen, immer mit dem suchenden Blick: Wo ist denn nun die Schule? An mindestens drei imaginären Schulgebäuden waren wir schon vorbeigefahren und waren uns unsicher, ob wir denn nun nochmal umdrehen sollten, da endlich erblickten wir die uns von den Fotos bekannten Gebäude und endlich auch ein einladendes Schild zur Pitseng High School.

 

Wir kurvten also hinein, schon unbefangen beäugt von den ersten Schüleraugen, die auf dem Campus herumliefen. Wir parkten ganz unbefangen vor einem Gebäude, das uns irgendwie lehrerhaft erschien, weil ebenda ältere Menschen herumstanden und uns auch betrachteten. Und siehe da: Wir lagen richtig - und wurden mit wehenden Fahnen, besser: Plakaten begrüßt.

 

 

Mit von der Partie waren Mrs. Makabelo, Mrs Mpho und natürlich Sister Alice (Schulleiterin), in deren Armen wir sofort landeten, als wären wir Schiffe in Seenot und sie der rettende Hafen. Es gab ein großes Hallo und wechselseitiges Händeschütteln und Anlächeln, dass es eine wahre Freude war.

 

 

Erste Präsente wurden ausgetauscht und wir wurden sofort ins Lehrerzimmer eingeladen - ein gemütlicher Raum, in dem sich die Lehrer zum Quatschen und Vorbereiten treffen und der vollgestopft war mit Lehrutensilien, wobei (uns) nicht klar war, wem was gehörte. Schwesternlehrerinnen und nicht dem Konvent zugehörige Lehrerinnen und Lehrer hießen uns ähnlich überschwänglich willkommen und wir waren sofort Teil des Kollegiums. Auch unsere SchülerInnen wurden nicht distanziert betrachtet, sondern gleichberechtigt behandelt.

 

 

Die erste Bewährungsprobe kam schon bald nach Schulschluss um 13 Uhr - Sister Alice versammelte alle Schüler auf dem Schulhof und hielt eine spontane Begrüßungsrede für uns. Als sie uns dann bat, ebenfalls ein paar Worte auf Englisch zu sagen, war es nun an uns, nervös zu sein, denn vorbereitet waren wir mitnichten. So holperten und stolperten wir uns in unserem deutschen Englisch durch die Begrüßung und waren dabei beeindruckt von der Stille und Aufmerksamkeit, mit der wir empfangen wurden. Nie im Leben hätten es hunderte von deutschen Schülern geschafft, während der zehn Minuten, die wir sprachen, so ruhig dazustehen und aufmerksam zuzuhören. Wir waren begeistert!

 

 

Nach einer kurzen, ebenfalls spontanen Gesangseinlage betraten wir alle die Schulaula, wo wir eine Präsentation der Computergruppe der Schule zu sehen bekamen, die uns zeigen sollte, dass auch in Lesotho die Uhren nun schneller und moderner tickten. Und auch hier war es zu sehen, wie gehorsam, aufmerksam und auch höflich die SchülerInnen waren - nicht nur uns gegenüber, sondern auch gegenüber den Mitschülern und deren Leistungen.

Beim darauffolgenden Essenfassen stellten wir uns hinten an und bekamen unsere Maispapp-Kohl-Mischung in die Hand gedrückt, die wir dann im Schulhof zu uns nahmen - umringt und interessiert betrachtet von hunderten Schüleraugen. Das Essen schmeckte - ordentlich. Täglich - da waren wir uns einig - wollten wir das nicht essen. Dass das die meisten hier mussten, wurde uns aber bald deutlich gemacht.

 

Am Nachmittag fand dann eine ganz kurze Führung über das Schulgelände statt, wobei wir vor allem das Lehrerzimmer der Science-Teacher, die Werkstatt und den Computerraum besuchen durften. Das alles zeigte uns zwei Dinge: Zum einen machen die Schüler hier deutlich mehr mit der Hand und nicht nur mit dem Kopf, zum anderen ist die Ausstattung unserer gar nicht so unähnlich - der Computerraum jedenfalls sah erstaunlich modern aus und widersprach deutlich dem gängigen Klischee des rückständigen Afrika, mit dem so mancher sich gerne begnügt. Mit Sister Alice und Mrs. Makabelo besprachen wir dann das Programm der nächsten Tage und verabschiedeten uns mit dem Versprechen, uns am nächsten Tag beim Ausflug nach Katse wiederzusehen.

 

Tag 2 – Samstag, 14.05.16

 

Am Morgen standen wir mit deutscher Pünktlichkeit um 7 Uhr auf, geweckt von der afrikanischen Sonne. Warum wir dafür um sieben aufgestanden sind? Für heute war ein Trip an den Katsee-Staudamm geplant, bei dem uns einige Lehrer der Pitseng High School sowie unser Patenkind Mofo und zwei seiner Freunde begleiten wollten und so standen wir um 9 Uhr – wie abgesprochen – ausgerüstet mit Wanderschuhen und Kameras vor Aloes Guesthouse und erwarteten ihre Ankunft. Doch wie wir lernten, gehen die Uhren in Afrika wohl etwas anders und zwei Stunden später fuhr dann endlich der – wie wir ihn nannten – Party-Bus mit den Lehrern vor.


Es handelte sich um ein afrikanisches Taxi, wie man es sich wohl typischer nicht vorstellen kann. Die Frontscheibe war mehrfach gesprungen und mit Tesa geklebt. Um die Tür zu öffnen, musste man an einem Draht ziehen, und die Musik im Inneren hörte man schon, bevor der Bus überhaupt auf den Hof rollte. Die folgenden drei Stunden, die wir zum Staudamm brauchten, beschlossen wir (Kim, Hüki und Pauline) des „kulturellen Austauschs“ zuliebe im Party Bus zu verbringen. Und wir wurden nicht enttäuscht!

 

Mrs. Makabelo, Mofo und seine Freunde wechselten zu Jochen und Ute und wir stiegen zu sechs angeheiterten Lehrern, die uns gleich mit Flaschen begrüßten – ja, Lehrer! –, in den Bus und die Stimmung war ausgelassen.

 

Während sich der Bus die schmalen Serpentinen neben dem steilen Abgrund entlang in die Maloti Mountains schlängelte, wurde im Inneren gelacht, geredet und - viel wichtiger – zu den immer selben sieben Liedern gesungen und getanzt, dass der Bus bebte (der Busfahrer allerdings nicht - der blieb nüchtern und geduldig). Kim wechselte dann auch beim nächsten Stopp zurück in den etwas ruhigeren Dürer-Bus ;-).

 

 

Zum Mittagessen hatten die Lehrer Maisbrei, Chakalaka (afrikanische Würzsauce) und Hühnchen dabei, was wir dann mit Genuss am Straßenrand verzehrten. Auf diesen Stopp folgten noch unzählige weitere, und wir verstanden erstmals wirklich, wie das Land zu seinem Namen „Kingdom in the Sky“ gekommen ist.

Nach dreistündiger Fahrt, während der die Stimmung im Bus deutlich anstieg und wir die sieben Lieder so oft gehört hatten, dass wir sie zumindest mitmurmeln konnten, erreichten wir dann endlich den Katse-Staudamm.

 

 

Der Staudamm war beeindruckend, wie er da in den Bergen Lesothos lag. Er ist einer von dreien, mit denen ganz Lesotho und Teile Südafrikas mit Strom versorgt werden - nicht zu Unrecht sind die Basotho stolz auf ihren Damm! Natürlich wurden einige Erinnerungsbilder gemacht und versucht die Höhe der Staumauer zu berechnen.

 

 

Die Zeit bis zum Abendessen verbrachten Ute, Hüki und Kim damit, mit Mofo und seinen Freunden mit unserem Dürer-Fußball (ein Mitbringsel für Mofo) zu kicken. Auch als Ute auf dem Basketballfeld gegenüber mitspielen wollte, wurde sie als „Fremde“ sofort aufgenommen.

 

Um 17 Uhr traten wir - nach dem Genuss gut durchgekokelter Hühnchenbeine - den Heimweg an (Hüki und Pauline wechselten etwas erleichtert und fertig zurück in den Dürer-Bus) und wie befürchtet fuhren wir in der Nacht und leider auch in Nebelschwaden den gesamten Weg zurück nach Pitseng – die unbeleuchteten Serpentinen entlang, vorbei an im Graben liegenden Unfallautos und nahezu unsichtbaren Schwarzafrikanern in Tarngrau. Aber bei den guten Fahrern ging natürlich alles gut.

 

Tag 3 – Sonntag, 15.05.2016

 

Während Studienfahrten in die Kirche zu gehen, ist durchaus nicht selten - einen Gottesdienst zu besuchen, fiele den meisten dann doch etwas schwerer. Einen Gottesdienst in Afrika zu besuchen, gilt aber durchaus als erleuchtendes Erlebnis - davon können wir inzwischen nicht nur ein Lied singen (wenn auch ohne Text!). Wir hatten uns fest vorgenommen, den auf dem Schulcampus stattfindenden sonntäglichen Gottesdienst zu besuchen - das gehört sich nicht nur aus kulturellem Interesse, sondern bei der Pitseng High School handelt es sich ja um eine christlich orientierte Schule unter Leitung eines katholischen Konvents. Es gehört also zum Schulalltag wie das allmorgendliche Gebet und das gemeinsame Essen.

 

Also fanden wir uns gegen 8 Uhr bei der schuleigenen Kirche ein und genossen noch ein wenig die Morgensonne, während draußen der Chor seine Einsätze übte. Als wir dann die Kirche betraten, war es natürlich klar, dass wir im Fokus standen - allerdings nur so lange, bis der eigentliche Gottesdienst begann, von dem wir natürlich kaum ein Wort verstanden, denn er wurde auf Sesotho gehalten. Bis auf ein paar durchaus heitere englische Einsprengsel kam uns das Ganze doch recht afrikanisch vor. Katholisch erzogene Gemüter wie beispielsweise Jochen dagegen konnten die liturgischen Riten dennoch erkennen: Kreuze schlagen, hinknien, den Leib Christi entgegennehmen - alles kein Problem. Beeindruckend war jedoch die Art des Gottesdienstes, der sich im Ablauf wahrscheinlich kaum von demjenigen in deutschen Kirchen unterschied: Zunächst einmal war die Kirche voll - deutsche Priester würden sich nach so einer Anzahl von Gläubigen die gesegneten Lippen lecken. Viel beeindruckender jedoch war der Gesang ... sicher, da gab es einen Chor, der vieles noch voluminöser klingen ließ, aber wurde gesungen, dann war das Haus noch voller: Töne und Melodien drangen in alle Ritzen des Gebäudes und als würde das nicht reichen, bewegten sich die Leute bei nahezu jedem Lied begeistert mit, klatschten in die Hände, wiegten sich zum Rhythmus in den Hüften. Man konnte fast gar nicht anders als mitschunkeln - und das taten wir dann auch. Beim Friedensgruß scharten sich wieder Trauben von Menschen und Händen um uns herum, um unsere Hände zu schütteln. Und natürlich wurden wir wieder - völlig unvorbereitet, wie schon gewohnt - nach vorne gebeten, um uns vorzustellen. Alle Augen mal wieder auf uns - da kann man schon mal ins Brabbeln kommen, was aber mit fröhlichem Gelächter kommentiert wurde.

 

Danach trafen wir auf Sister Alice, die wiederum spontan zwei Schüler herzitierte, die für uns eine Führung am Nachmittag arrangieren sollten, zur Pitseng-Höhle. Gehorsam fügten sich die Schüler dem auffordernden Zeigefinger - und so fanden wir uns am Nachmittag wieder bei der Schule ein, um unsere Führer zu treffen: diesmal allesamt Schülerinnen und Schüler der höheren Klassen, die sogleich loszuckelten und uns durch die nahe liegende Siedlung führten, in der auch der ein oder andere Lehrer lebte. Vorbei an Hühnern, Hunden und Hütejungen flanierten wir auf den lehmig-sandigen Wegen zwischen den Hütten hindurch, bewunderten Schüler beim Fußballspielen, schlugen bedauernd Einladungen in diverse Hütten aus und landeten schließlich am Rande eines Canyons, in den wir sogleich abstiegen.

 

 

Hierdurch gelangten wir in jene ominöse Pitseng Pit - eine Höhle, die vielen Jugendlichen als Treffpunkt dient, aber wohl auch einigen Ziegen oder Schafen, dem Geruch nach zu urteilen. Hier genossen wir die Zeit im Schatten, schossen einige witzige Fotos mit unseren jugendlichen Führern und wurden von einer Gruppe jüngerer Schülerinnen eingeholt, die sich sogleich auf Pauline und Kimberly stürzten und sie mit Fragen überschütteten, z.B. ob die Mädels nicht etwas von ihren Haaren abgeben könnten oder ob sie sich vorstellen könnten, Nonnen zu werden? Auf dem Weg zurück unterhielten wir uns über dies und das, geheime Freunde und Bestrafungen in der Schule und am Ende hatten wir nicht nur ein paar Facebook-Adressen ausgetauscht, sondern ein paar Freunde gefunden.


Tag 4 – Montag, 16.05.2016


Unser erster richtiger Schultag in Lesotho. Um 8.30 Uhr setzten wir uns in Bewegung und fuhren die nun schon altbekannte Rumpelpiste zur Pitseng High. Mrs. Makabelo und Mrs. Mpho empfingen uns wie gewohnt freundlich, nahezu überschwänglich am Lehrerzimmer. Es war geplant, die Schule genauer kennen zu lernen und so folgten wir unseren Führerinnen durch das nicht kleine Areal. Wir besichtigten den Computerraum mit den genauen Anweisungen für das richtige Verhalten in diesem Raum, die von allen Wänden herab mahnten. Wir defilierten vorbei an den Hühnerquartieren, die verdächtigt ruhig waren, bis wir gesagt bekamen, dass die Hühner nun allesamt den Weg alles Irdischen gegangen waren und in einer gut versteckten Kühltruhe nur darauf warteten verspeist zu werden. Die Vorbereitungen dazu wurden getroffen in der Küche, die wir als nächstes besuchten: Hier allerdings wurde der übliche Kohl und Maispapp vorbereitet, den die Schüler nahezu jeden Tag gereicht bekamen.

 

Danach bewegten wir uns ein wenig aus dem Schulbereich heraus und besuchten das angeschlossene Altenheim vor allem für Schwestern aus dem Konvent, die hier gepflegt und betreut wurden. Gleich daneben stehen die Gebäude der Konvent eigenen Bäckerei, wo wir uns auch gleich mit leckeren Rosinenbrötchen eindeckten und einiges über das Bäckerhandwerk lernten.

 

Kurz dahinter ging es in die Internatsquartiere der Mädchen, wo die Unterwäsche zum Trocknen auf der Leine hing, die eng aneinander stehenden Stockbetten einen durchaus engen Eindruck machten und vor allem die Toiletten für einen unangenehmen Geruch und einen noch unangenehmeren Eindruck sorgten, auch wenn das Auffangen der Faulgase aus dem Toilettenbereich zur Herstellung von Wärme durchaus als fortschrittlich zu bezeichnen ist.

 

Der Zeitplan an einigen der Internatsräume verschaffte uns einen eindringlichen Eindruck davon, wie gedrängt der Tagesablauf der Mädchen jeden Tag ist und wie streng reguliert und anstrengend ein Internatstag sein muss. Direkt hinter den Unterkünften durften wir die wenigen übrig gebliebenen Kühe der Schule beim Weiden betrachten - ein Teil der Herde hatte es nicht durch die Dürre geschafft, genauso war der eigentlich üppig blühende Garten der Schule eher trist und unfruchtbar. Das alles ist eine Folge der verheerenden Dürre, die vor allem Ostafrika in diesem Jahr getroffen hatte - dies wiederum eine Folge eines extremen El Nino-Ereignisses 2016.

 

Wir nahmen den Weg zurück durch die Schule, um die Baustelle des neuen Jungeninternats zu begutachten, von dem uns schon Irina André-Lang von Yes we care! e.V. berichtet hatte. Wir konnten sehen, dass die Arbeiten wirklich gut vorangingen und endlich Platz für Jungen in der ursprünglichen Mädchenschule geschaffen wurde. Es gibt zwar einige Jungen, die dort in Unterkünften leben, doch diese - in der Nähe des Schweinekobens - waren mickrig, zugig und sehr eng, sodass man von menschenwürdigen Unterkünften kaum reden kann. Dieser Internatsneubau ist ein riesiger Fortschritt für die Pitseng High School und wurde dank der Spenden zweier deutscher Schulen ermöglicht, die mit einem Spendenlauf einen enormen Betrag zusammengetragen hatten.

 

Kurz danach besuchten wir unseren ersten Unterricht bei Mrs. Makabelo in Geografie: Natürlich standen wir im Zentrum, aber das war gewollt, denn wir wollten ja, dass man uns Fragen stellte und neugierig auf uns war. Und so plauderten wir aus dem Nähkästchen über Deutschland, Nürnberg und die famosen Würstchen.

 

 

Das Mittagessen nahmen wir dann im Hof ein - natürlich unter Beobachtung, denn so mancher wollte wohl doch nicht glauben, dass wir wirklich das aßen, was alle anderen auch auf den Tellern hatten, und dass wir im Hof saßen und nicht bei den Lehrern in deren Zimmer.

 

Nach weiteren nachmittäglichen Unterrichtsbesuchen bei Mpho, wo deutlich wurde, wie unterschiedlich die Wertschätzung der Maispflanze in unseren Ländern doch ist (in Lesotho Hauptnahrungsmittel, in Deutschland teilweise verbrannt zu Stromerzeugung), durften wir am Nachmittag endlich unser Patenkind Mofo besuchen, der in Pitseng im Ortsteil "London" wohnt. Dieses Wohngebiet kommt ohne Tower Bridge, Buckingham Palace und London Eye aus, ist aber charmant übersichtlich und höchst afrikanisch: bucklige Pisten, vereinzelt stehende Hütten, teilweise Wellblech, viele fröhlich winkende Leute. Mofos Familie erwartete uns dann zurückhaltend vor den beiden Häusern, in denen seine Großmutter und die Geschwister mit ihm untergebracht sind. Viele kleine und süße Kinder wuselten herum, wir konnten bis zum Schluss nicht wirklich herausfinden, wer nun zu Mofos Familie gehörte und wer zu den Nachbarn.

 

 

Die Oma aber war dann aber doch deutlich auszumachen und wir schüttelten eifrig Hände, verteilten Gastgeschenke und staunten über die teilweise beengten Wohnverhältnisse. Zuletzt bekam dann auch Mofo, was wir ihm mitgebracht hatten: T-Shirts und Pullover mit dem Dürer-Logo, vielleicht noch etwas zu groß, aber unser Patenkind würde sicherlich reinwachsen. Bald schon sagten wir den Menschen und Hühnern "Auf Wiedersehen!", denn allzu aufdringlich wollten wir dann doch nicht sein. In jedem Fall war es toll, einmal zu sehen, wie Mofo so lebt und es war wichtig für uns zu merken, wie schwierig die Situation seiner Familie ist: Die Oma muss für alle Kinder sorgen, ab nächstem Jahr kommt Mofos Schwester in die höhere Schule und Mofo wird ins Jungeninternat ziehen. Vielleicht eine kleine Erleichterung für eine Frau, deren Lebensabend sicherlich leichter sein könnte, aber durch die Patenschaft ein wenig geruhsamer geworden ist.



Tag 5 – Dienstag, 17.05.16

*** Klassenbesuche ***

 

 

An diesem Tag wurden uns pro Unterrichtsstunde mehrere Klassen zur Auswahl gestellt, in die wir uns reinsetzen durften, um als Teil der Klasse im Hintergrund den Unterricht zu beobachten – mal mehr, mal weniger erfolgreich J

 

  • Religion (Pauline)

Dieses Fach wurde von einer der Nonnen unterrichtet und zu meiner Freude wurden das „Gleichnis des verlorenen Sohns“ und die Aufgabe von Gleichnissen in der Bibel behandelt. Warum zu meiner Freude? Ich hatte das Glück, wie eine Schülerin der Klasse behandelt zu werden (natürlich wurde immer etwas mehr getuschelt, wenn einer von uns in den Klassen saß und wir waren oft das Ziel neugieriger Blicke), und das hieß: Auch ich musste Fragen beantworten. Natürlich bin ich dafür – wie sich das gehört – immer von meinem Stuhl aufgestanden und war froh, dass ich in Deutschland in Reli aufgepasst habe. Es wurde viel aus der Bibel gelesen, direkt am Text gearbeitet und interpretiert. Zuletzt wurde ich doch noch nach vorne gebeten, um einige persönliche Fragen zu beantworten. Am nächsten Tag wurde ich spontan noch einmal von der Klasse mit in den Unterricht gebeten um mich weiter ausfragen zu lassen J

 

  • Englische Literatur (Kim & Pauline)

Für dieses Fach wurde ein verstaubter, alter Chemiesaal genutzt. Die Schüler arbeiteten gerade an einer Lektüre, die sie für uns gemeinsam mit dem Lehrer zusammenfassten. Es handelte sich um den Roman „City Kids“, welcher die Geschichte südafrikanischer Straßenkinder erzählt. Der Lehrer stellte Fragen zum Inhalt, die Schüler meldeten sich, wurden aufgerufen, standen von ihren Stühlen auf und beantworteten diese. Auch in dieser Klasse wurde der Unterricht etwas früher als sonst beendet und uns wurden einige Fragen zum Dürer-Gymnasium gestellt, viele auch vom sehr interessierten Lehrer.

  

  • Sesotho (Sprachunterricht und Kulturunterricht, Jochen)

 

 

Man sollte meinen, dass es völlig sinnlos ist, sich in einen Unterricht zu setzen, von dem man kein Wort versteht, weil er in einer Sprache gehalten wird, die nur die Einheimischen verstehen. Aber weit gefehlt: Die Lehrerin für "cultural studies" war eine energische, aber äußerst liebenswürdige und witzige Person, über deren Späße man sogar lachen musste, wenn man sie gar nicht verstand. Sie versprühte eine derartige Energie, dass sie ihre Schüler und mich ansteckte und wir einfach nicht anders konnten als mitzulachen. Und so verstand ich kein Wort und erlebte doch einen der witzigsten Unterrichte in meinem Leben, was vor allem daran lag, dass die Kinder hier darin unterrichtet wurden, wie die Brautwerbung vonstatten geht bei einer traditionellen Hochzeit. Es wurde gesungen, geklatscht und getanzt, wobei vor allem die Jungs sich beweisen mussten und wie von der Tarantel gestochen wild herumsprangen und wohl Komplimente an die angebeteten Damen vorsagen mussten. Alle Jungs machten mit und keinem war es zu doof, sich vor Publikum ein wenig zum Affen zu machen. Für sie war das ja gelebte Tradition - wie lange man wohl in Deutschland an Schüler ranreden müsste, damit nur einer mal etwas Ähnliches vor seiner Klasse vorführen würde?

 

 

Tag 6 – Mittwoch, 18.05.16

 

Und da war er auch schon, unser letzter Tag an der Pitseng High School… L

Um 9:30 Uhr sind wir an der Schule vorgefahren und diesmal standen keine Unterrichtsbesuche auf dem Plan - nein, wir haben den Unterricht gegeben! „German lessons for beginners“,  so to say (Deutsch für Anfänger).

 

 

Jochen versuchte dabei, die Grundredewendungen, die man bei einem ersten Gespräch brauchen würde, per Vor- und Nachsprechen zu erklären. Als wir merkten, dass die Schüler von sich aus ihre Hefte herausnahmen, weil sie mitschreiben wollten, begann Pauline auch an der Tafel das Wichtigste festzuhalten.

 

Am Ende sind wir mit jeder Klasse über die deutsche Begrüßung, Bitte und Danke sowie die Zahlen bis Zwanzig und eine einfache persönliche Vorstellung gegangen. Auf die Frage „Wie alt bist du?“ antworteten die Schüler auch bald sehr stolz. Am lustigsten und damit auch eingängigsten fanden die Schüler aller Klassen jedoch das Wort „Tschüss“, und als wir am Mittag zur Musik der Toten Hosen den obligatorischen Maisbrei mit Kohl austeilten, hörten wir des Öfteren auch ein „Danke“ oder „Tschüss“.

 

Am Vormittag waren wir auch in Mofos Klasse zu Besuch. Hier haben wir sogar ein Klassenfoto gemacht, welches wir natürlich mit ans Dürer bringen werden. Aber wir werden es auch der Klasse zuschicken, denn Klassenfotos werden hier nicht gemacht.

 

 

Nach dem Mittag wurden wir mit einer riesigen Abschiedsveranstaltung überrascht. 
Alle Schüler der Pitseng High School hatten sich im Halbkreis um etwas, das sich als Bühne herausstellen würde, versammelt. Für uns hatte man extra eine Art „Ehrentafel“ aufgebaut und die Lehrer saßen auch alle dabei.

 

Eröffnet wurde das Programm durch den Schulchor, dem wir im Verlauf der Woche schon öfter lauschen durften. Darauf folgte unter Leitung der Sesotho Lehrerin eine Präsentation traditioneller, teilweise altertümlicher Basotho-Gegenstände mit Erklärung. Vom veralteten Tierleder-Schild für den Kampf bis zu den typischen Basothohüten war alles dabei. Jetzt wurde uns auch klar, warum wir den ganzen Tag über schon viele Schüler und Lehrer in traditioneller Basotho-Kleidung oder auch Gesichtsbemalung gesehen hatten.

 

 

Zu Gesang und Klatschen wurde uns der typische Verlobungs-/Hochzeitstanz vorgeführt und eines der durch Yes we care! e. V. vermittelten Patenkinder hielt eine Rede darüber, wie dankbar sie den PatInnen und für das Programm ist.  Als nächstes sprach ein Schülervertreter, gefolgt von einer herzlichen, sehr bewegenden Rede des Library Lehrers John, in der er uns als „part of the Pitseng High School family“ (Teil der Pitseng High School Familie) bezeichnete. Daraufhin wurde für uns noch der Litolobonya aufgeführt. Es handelt sich hierbei um einen Tanz, der sich am besten unter dem Begriff „Gummistiefel-Schuhplattler“ beschrieben lässt. Zu einer Choreografie klatschten die ca. 15 Tänzer rhythmisch auf die Gummistiefel, die sie trugen – sehr beeindruckend!

 

Und weil wir noch nicht „geflasht“ genug waren, wurde gleich der nächste uns völlig neue Tanz draufgesetzt. Dabei knieten einige Mädchen in weiten, aufgeplusterten Kleidern auf dem Boden und bewegten zum Gesang eines Chores und dem Pfeifen einer der Tänzerinnen rhythmisch ihre Schultern/Oberkörper.

 

Danach wendete sich auch noch einmal Jochen an die Schüler und Lehrer und sprach für uns alle, als er sich für die Herzlichkeit und die offenen Arme bedankte, mit denen wir empfangen wurden. Wir hatten das große Glück, an der Schule mit den Schülern und Lehrern unheimlich viele Eindrücke zu sammeln und eine Kultur kennen zu lernen, mit der wir sonst keinerlei Berührungspunkte gehabt hätten, und wir durften unsere Kultur mit unheimlich interessierten Schülern dort teilen.

 

 

Damit war die große Feier – die zur Erinnerung nur für uns geschmissen wurde – beendet. Es kamen noch sehr viele Schüler auf uns zu und wollten Erinnerungsbilder machen und Kontakte austauschen und auch im Lehrerzimmer war die Stimmung ausgelassen. Wir wurden gefühlt von jedem Lehrer gedrückt und persönlich verabschiedet. Jochen verteilte noch die USB-Sticks, die er extra für die Lehrer mitgebracht hatte, und die Sesotho-Lehrerin machte uns traditionellen Reiseproviant bestehend aus Maispulver, Zucker und Salz, den sie uns für den Weg in eine Tüte füllte.

 

 

Und schon waren wir ein letztes Mal auf dem Holperweg, den wir in den letzten Tagen teilweise mehrmals zu Schule gefahren sind, doch im Gegensatz zu unserer ersten Fahrt um so viele Erfahrungen reicher … Nicht falsch verstehen, der Weg war immer noch eine Katastrophe, aber dass wir ihn ein letztes Mal gefahren sind, hat uns dann doch etwas sentimental gemacht.

 

Nach Deutschland zurück kamen und bleiben fünf schwer beeindruckte Reisende, über 2500 Bilder und viele positive Eindrücke von einem Land und Menschen, die es unendlich viel schwerer haben als wir in Deutschland und trotzdem unendlich viel glücklicher und unbeschwerter wirken als der Großteil von uns hier. Glück, so scheint es, hat wohl nichts mit dem Besitz des neuesten iPhones zu tun. Mit der Reise nach Lesotho endet natürlich nicht unser Engagement für unsere Partnerschule - in den nächsten Monaten wollen wir vor allem die Folgen der verheerenden Dürre dort mindern und dabei helfen, dass die Ernährungssituation sich wieder verbessert. Jede Spende dafür ist willkommen. Wir danken jetzt schon einmal für die Unterstützung, die nicht anonym irgendjemandem, sondern konkret unserer Partnerschule zukommen wird!

 

Spenden gehen an:

 

Yes we care! e.V.

Volksbank Regensburg

IBAN: DE 75 7509 0000 0100 6469 97

BIC/SWIFT: GENODEF1R01

Verwendungszweck: Kinder in Lesotho

 

Kea leboha! (Vielen Dank! - auf Sesotho, der Landessprache Lesothos)