Geschrieben von Irina André-Lang
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"Geh voran: Erkenne, vermeide und melde sexuelle Gewalt!"

 

91 Patenkinder von Yes We Care! e.V. nahmen vom 23. bis 28. Juni 2016 an einem fünftägigen Feriencamp von Help Lesotho in Leribe teil.

Das Hauptziel des Camps war, diese gefährdeten Kinder mit lebensrettenden Informationen und Lebenskompetenzen bezüglich HIV / AIDS-Prävention und -Behandlung, sexueller Gesundheit, Geschlechtergerechtigkeit und gesunden Entscheidungsfähigkeiten auszustatten.

Das Thema des Camps war: "Geh voran: Erkenne, vermeide und melde sexuelle Gewalt!"

Sexuelle Gewalt in Lesotho

Mit der zweithöchsten Rate von HIV / AIDS weltweit sind Mädchen im ländlichen Lesotho besonders anfällig für Vernachlässigung, Vergewaltigung, Missbrauch, sexuelle Gewalt, frühe Heirat, Schwangerschaft und hohe Raten von HIV-Übertragung. Die traditionelle, patriarchalische Gesellschaft erschwert Bildung, Selbstwertgefühl und Gesundheit sowie Wissen über Sexualität.

Die Prävalenz von sexueller Gewalt:

• Im östlichen und südlichen Afrika berichtet eines von vier Mädchen im Alter von 15 bis 19 Jahren, dass ihre erste sexuelle Erfahrung erzwungen war;

• Mädchen, die Gewalt erleben, sind bis zu 3-mal häufiger in Gefahr, sich mit HIV oder anderen sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken;

• mindestens 60% der Frauen in Lesotho haben irgendeine Form von sexueller Gewalt erlebt.

Eine Generation von fähigen und sachkundigen Mädchen und Frauen zu schaffen, ist von entscheidender Bedeutung, um sexuelle Gewalt zu verhindern, indem mehr und mehr Mädchen und Frauen in der Lage sein werden, nein zu sagen, sich zu wehren und ihre Angreifer, wenn notwendig, zu melden. Eine Verringerung der sexuellen Übergriffe in Lesotho wird auch einen positiven Einfluss auf andere soziale Probleme haben: eine Reduzierung der HIV-Infektionsrate, die Verhinderung früher / ungewollter Schwangerschaften und die Reduktion der Belastung eines bereits angespannten Gesundheitssystems.

Mädchen und Frauen ihre Rechte zu erklären und Hilfen anzubieten, sich nach einem Angriff an das Rechtssystem zu wenden, wird dazu beitragen, die Zahl der Angriffe zu reduzieren.

Die Jugendlichen sollten nicht nur sexuelle Rechte diskutieren, sondern auch lernen, wie diese Rechte in das größere Bild ihres sozialen, physischen und emotionalen Wohlbefindens passen. Sie brauchen Hilfe, die Zusammenhänge zwischen Armut, Selbstwertgefühl, Ungleichgewicht der Geschlechter und sexueller Gewalt zu verstehen. Wenn sexuelle Gewalt in Bezug auf diese Lebenskompetenzen und Themen diskutiert wird, sind die Jugendlichen in der Lage, eine Verbindung zu ihrem eigenen Leben herzustellen und ihre eigenen persönlichen Risikofaktoren zu analysieren.

Erkenne, vermeide und melde sexuelle Gewalt!

Erkennen: Die TeilnehmerInnen lernten, dass sexuelle Gewalt viele Formen annehmen kann - dass Vergewaltigung nicht die einzige Definition von sexueller Gewalt ist. Ein wichtiger Faktor, der während der gesamten Zeit des Camps immer wieder bekräftigt wurde, ist das Alter der Menschen in einer intimen Beziehung und die Tatsache, dass intime Beziehungen zwischen Jugendlichen (männlich oder weiblich) und Erwachsenen immer eine Form von sexueller Gewalt darstellen.

Vermeiden: Die TeilnehmenrInnen lernten in Rollenspiel-Szenarien, wie Gruppendruck und unausgewogene Machtverhältnisse in einer Beziehung stark dazu beitragen können, Jugendliche zu riskantem Verhalten zu bringen.

 

Melden: Durch eine sichere Umgebung wurde den TeilnehmerInnen ermöglicht, persönliche Erfahrungen zu teilen und Hilfe und Unterstützung zur Überwindung ihrer Traumata zu suchen. Die TeilnehmerInnen wurden über rechtliche und medizinische Ressourcen informiert, die ihnen zur Verfügung stehen.

Beispiele

1. Während einer Sitzung über Gruppendruck hob eines der Mädchen die Hand und sagte: "Ich bin Opfer einer Beziehung mit einer älteren Person und habe eine Freundin, die in einer ähnlichen Situation schwanger wurde. Ich wusste einfach nicht, wie ich die Beziehung beenden soll, aber jetzt weiß ich, was ich tun muss. " Jeder im Raum konnte deutlich sehen, wie tief betroffen diese junge Frau wegen ihrer zerstörerischen Beziehung war. Sie zeigte ihre Hoffnung für die Zukunft, indem sie hinzufügte: "Mädchen, lasst uns alle aufstehen und unnütze Menschen vermeiden, die unsere Zukunft zerstören! Lasst uns sofort damit anfangen!"

2. In einer Diskussion nur für Jungen fühlten sich viele der Jungen sicher genug, um ihre Frustration über den Druck von ihren Familien zum Ausdruck zu bringen, eine "Initiation School" zu besuchen. Es gibt einen traditionellen Glauben in Lesotho, dass ein Junge nur durch den Besuch einer Initiations-Schule ein "richtiger Mann" wird. (Dieser Besuch ist ein Ausschlusskriterium an der Pitseng High School, weil die Jungen als Männer zurückkommen und sich anschließend nichts mehr von Lehrerinnen sagen lassen). Viele Jungen machten deutlich, dass sie lieber in der Schule bleiben wollten. Die Teilnehmer arbeiteten zusammen, um Wege und Strategien zu entwickeln, wie sie diesen Druck, den sie von ihren Familien fühlen, reduzieren können.

3. Die täglichen Frage & Antwort-Sitzungen zeigten, wie wenig Zugang die meisten TeilnehmerInnen zu Informationen im Zusammenhang mit sexueller Gewalt und reproduktiver Gesundheit[1] haben. Noch schlimmer ist, dass viele Mädchen von ihren Eltern / Erziehungsberechtigten, Kollegen und Jungen absichtlich falsch über sexuelle und reproduktive Gesundheit informiert werden, vermutlich um es den Mädchen zu erschweren, Entscheidungen in ihrem eigenen Interesse zu treffen. Die Mädchen konnten ihr Wissen klären und präzise Antworten auf wichtige Fragen erhalten (zum Beispiel: "Kann ich mich beim ersten Mal, wenn ich Sex habe, mit HIV anstecken?“).

 

4. Eine der lebendigsten Diskussionen beschäftigte sich mit der Verbindung zwischen "Liebe" und "Sex". Die TeilnehmerInnen wurden aufgefordert, eine Liste von Möglichkeiten zu nennen, wie jemand Liebe zeigen kann, ohne Geschlechtsverkehr zu haben. Am Ende der Gespräche hatten die SchülerInnen Folgendes verstanden und akzeptiert:

a. Geschlechtsverkehr ist nicht der einzige Weg, Liebe zwischen zwei Menschen zum Ausdruck zu bringen.

b. Auch in Beziehungen, in denen zwei Menschen sich gegenseitig lieben (oder es glauben), kann sexuelle Gewalt auftreten.

c. Es gibt "gesunde" und "ungesunde" Wege, Liebe zum Ausdruck zu bringen.

d. Geschlechtsverkehr zu haben, bedeutet nicht notwendigerweise, dass zwei Menschen sich gegenseitig lieben.

Camp Aktivitäten – Überblick

Die SchülerInnen nahmen an Diskussionen zu folgenden Themen teil:

• Gute Entscheidungen

• Selbstachtung

• Umgang mit Gefühlen

• Bin ich bereit für Sex?

• HIV / AIDS

• Folgen von Sex mit älteren Männern und Frauen

• "Ich will keinen Sex haben" (Nein-Sagen zu Sex)

• Folgen von Alkohol und Drogen

• Gleichberechtigung

• Die Möglichkeit, sich durch Kommunikation zu schützen

• [nur Jungen] Initiations-Schule und Freiwillige Beschneidung

• [nur Mädchen] Frühe Schwangerschaft und Zwangsheirat

Tägliche Aktivitäten:

Talente-Show: Alle TeilnehmerInnen wurden aufgefordert, sich mindestens einmal durch eine Kunstform wie Theater, Gesang oder die Lesung eines Gedichts auszudrücken.

 

Frage & Antwort-Sitzungen: Die TeilnehmerInnen konnten im Laufe jeden Tages anonym Fragen vorlegen; alle Fragen wurden beantwortet und während der täglichen eineinhalbstündigen Frage & Antwort-Sitzungen diskutiert.

• Frühstück, Mittagessen und Abendessen: Essenszeit ist immer ein Highlight!

 

Teambuilding-Aktivitäten: Durch Spiele, Sport, Kunst und Handwerk praktizierten die TeilnehmerInnen ihre Kommunikationsfähigkeiten und hatten viel Spaß dabei!

 

 

Fazit

Das Feriencamp 2016 war eine sehr positive Erfahrung für alle 91 TeilnehmerInnen. Jeder Junge und jedes Mädchen hatte während des Camps Möglichkeiten zu lernen, Fragen zu stellen, sich mit den anderen zu vernetzen und die wichtige Rolle zu verstehen, die sie bei der Verhinderung von sexueller Gewalt in ihren Schulen und Gemeinden spielen können.

 

Bei der Abschlussfeier hatten alle SchülerInnen gemischte Gefühle: Einerseits freuten sie sich über ihre Abschluss-Zertifikate und gratulierten sich gegenseitig für ihre großartige Beteiligung, während sie auch Tränen in den Augen hatten, als sie ihre Sachen zusammenpackten und den Weg nach Hause antraten.

 

Vielen Dank an alle, die das Feriencamp für 91 Patenkinder von YWC ermöglicht haben!



[1] Reproduktive Gesundheit (und reproduktive Rechte) steht für einen Rechtsansatz, Familienplanung als Menschenrecht zu verankern. Sie gehört seit der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994 offiziell zur internationalen Bevölkerungspolitik. Reproduktive Gesundheit wurde damals definiert als „Zustand des vollständigen seelischen, körperlichen und sozialen Wohlbefindens im Hinblick auf Sexualität und Fortpflanzung“.